Die tägliche warme Mahlzeit gibt es nur in der Schule

Von Annegret Ratzkowsky, dpa vom 8.1.2004

Hannover (dpa/lni) - Ein knappes Dutzend Kinder sitzt um den Tisch und löffelt Kohlsuppe. «Kann ich noch einen Teller voll haben?», fragt ein 13-Jähriger und holt sich einen ordentlichen Nachschlag. Mit anderen Mädchen und Jungen hat er die Suppe in einer Sonderschule in Hannover gekocht. In der großen Pause wird sie an rund 60 Mitschüler verteilt. Doch die Kinder üben sich nicht zum Spaß als Köche: «Für viele ist das die einzige richtige Mahlzeit am Tag», sagt Schulleiterin Heide Plaue. Sie verdanken ihr tägliches Essen der «Hilfe für hungernde Kinder»-GmbH von Kornelia Rust-Buhlmann.

Zwei Mal die Woche fährt die zierliche Frau mit ihrem Mann Alfred in einem kleinen Lieferwagen vor. Die Kinder entladen Gemüse und Fleisch, Brote und Wurst, Obst und Milchprodukte. Seit zwei Jahren sammelt Rust-Buhlmann Geld für Lebensmittel. Es reicht, um vier Schulen, einen Kindergarten und zwei andere Einrichtungen in Hannover zu beliefern. Doch der Kreis derjenigen, die sich an «Hilfe für hungernde Kinder» wenden, wird größer. Mindestens 600 Kinder in Hannover haben nach ihren Beobachtungen zu wenig zu essen.

Wer wenig Geld hat, muss auch am Essen sparen, beobachten Sozialverbände. Vor allem Alleinerziehende und arbeitslose Paare mit Kindern sind arm. Aber nach einer Studie der Arbeiterwohlfahrt (AWO) steht auch fest, dass Erwerbstätigkeit allein Armut nicht überwindet. «Eine Million Kinder leben in Deutschland in Armut», sagt der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes (DKSB), Heinz Hilgers. In Niedersachsen erhalten mehr als 124 000 Kinder und Jugendliche Sozialhilfe.

«Ich habe schon vor ein paar Jahren beobachtet, dass Kinder den Unterricht nicht durchgehalten haben, weil sie Hunger hatten», erzählt Schulleiterin Plaue. «In vielen Familien ist zur Hälfte des Monats das Geld fast alle.» Bevor sie das Projekt von Kornelia Rust- Bulmahn kannte, schmierte sie schon mal selbst Frühstücksbrote für ihre Schüler.

«Wir haben aber nicht nur den Hunger vieler Kinder gestillt, sondern auch erreicht, dass die Gewaltbereitschaft der betroffenen Kinder deutlich abgenommen und ihr Sozialverhalten sich positiv verändert hat», zieht Rust-Bulmahn nach entsprechenden Rückmeldungen eine positive Bilanz. Da sich in den belieferten Schulen alle Kinder gleichermaßen am Kochen und am Essen beteiligen, erfährt kein Mitschüler, dass ein anderer hungert.

Rust-Bulmahn will aber noch ein anderes Problem angehen. «Es gibt Schulen, in denen der Prozentsatz misshandelter und sexuell missbrauchter Kinder sehr hoch ist», hat sie von Lehrern und Sozialarbeitern erfahren. Auch diesen Kindern möchte die quirlige Geschäftsführerin helfen. Ihr Plan: Im Frühjahr soll ein altes Binnenschiff vom Rhein nach Hannover gebracht und mit Hilfe von Kindern und Jugendlichen hergerichtet werden. «Dann sind die Kinder wenigstens außer Haus», sagt Rust-Bulmahn. Ihre Arbeitsstunden würden gegen Ausflüge gut geschrieben. Ob das alles so klappt, wie sie es sich vorgestellt hat, ist noch offen. Die Suche nach Sponsoren und Spendern hat gerade begonnen.
 
H.I.o.B. e.V. Hilfe-für-hungernde-Kinder
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